Spirulina

Zukunftsmusik aus dem Wasser

Gastartikel von Dr.rer.nat. Frank Winter 

Schon vor 3,5 Milliarden Jahren bewohnten Lebewesen die Meere. Es handelte sich um Phytoplankton. Unter diesen befanden sich die Spirulina-Algen, von Wissenschaftlern Arthrospira genannt.

Im Süßwasser der ersten Urseen konnte die mikroskopisch kleine Alge wunderbar gediehen. Auf der noch jungen Erde begann sich die Luft zu verändern.

Foto: Akal Food S.A.S.
Foto: Akal Food S.A.S.

Nach und nach wurde sie mit Sauerstoff angereichert. So entwickelten sich die ersten Pflanzen und Tiere. Aufgrund ihrer kräftigen grün-blauen Farbe (griech. Cyano), die sie dem blauen Pigment Phycocyanine und ihrer Fähigkeit, Sonnenlicht in energie zu verwandeln verdanken, werden die Spirulina-Algen und ihre Artverwandten auch als Cyanobakterien bezeichnet. Mit ihrer Größe von 0,3 mm sind sie schon fast mit dem bloße Auge sichtbar. Ihre volle Schönheit entfalten sie jedoch erst unter dem Mikroskop. Wie winzige Spiralen winden sie sich um ihre eigene Achse und erinnern dabei an kleine Federn. 

Plankton auf dem Teller

Cyanobakterien sind das erste Glied in der Nährungskette und standen schon früh auf dem Speiseplan der ersten Räuber. In der Neuzeit waren es die Flamingos die es uns vormachten. Die Azteken schauten es sich ab. Mit Körben holten die Azteken die Algen schon vor 500 Jahren aus dem Texcoco-See. Sie trockneten und formten daraus nahrhaftes Fladenbrot, das sie „Tecuilat“ nannten. Es soll eine regelrechte Landwirtschaft um das grüne Fladenbrot gegeben haben. Die Geschichte erzählt, dass die Laufboten im Reich der Azteken sich mit Tecuilat stärkten.

 

Spirulina wurde uns von den Kanembou aus dem Tschad See überliefert. Noch heute werden die Algen dort geschöpft. Dazu werden sie in eine runde Kuhle aus Sand gegossen und dort Tagsüber zu einem grünen Kuchen getrocknet. In der Dämmerung werden die Kuchen, „Dihé“ genannt, in Stücke gebrochen und am nächsten Morgen auf dem Markt verkauft. Ein belgischer Botaniker entdeckte das Dihé auf ein solchen Markt, kaufte ein Stück, dokumentierte die Ernte und entnahm dem See Proben. Er war beeindruckt vom besonders hohen Gehalt an Eisen und Eiweiß sowie der sonstigen wertvollen Inhaltsstoffe.

Als die UN in den 70‘ Jahre vor einem anstehenden weltweiten Proteinmangel warnte, wurde Spirulina bekannt. Von der UNSECO wurde die Algen als „Lebensmittel der Zukunft“ bezeichnet. Heute ist Spirulina weltweit bekannt. Es wird als Nährungsergänzungsmittel, Super Food und Heilmittel vertrieben. Sogar in der Kosmetik und in der Raumfahrt kommt es inzwischen zum Einsatz.

Frauen des Kanembou Stamm am Tchad See die Spirulina ernten und Filtern (Foto: Akal Food S.A.S.)
Frauen des Kanembou Stamm am Tchad See die Spirulina ernten und Filtern (Foto: Akal Food S.A.S.)

Chancen und Risiken

In der Vollwert Ernährung nach Prof. Leitzmann gewichtet man Lebensmittel auf vier Tragende Säulen: Wirtschaft, Ökologie, Soziales und Gesundheit. Sie werden gleichwertig betrachtet und der kulturellen Gegebenheiten angepasst. So ergibt sich ein gesamt Bild der Ernährung.  

Ökologie

Durch seine hohe Teilungsrate ist die Spirulina-Ernte täglich möglich. Der Ressourcen-Verbrauch ist marginal. Im Vergleich zu Soja schafft es die Alge auf unfruchtbaren Boden 26mal mehr Eiweiß zu produzieren und dabei fünf mal weniger Wasser zu verbrauchen.

Wird die Alge in Deutschland angebaut, ist Wärmezufuhr nötig, bei 35°C fühlt sie sich am wohlsten. Spirulina ist ein alkalisches Lebensmittel, der pH-Wert liegt über 10. Pflanzenschutzmittel sind beim starken Wachstum und unter diesen Bedingungen nicht nötig.

 

Bei der Aufnahme von Umweltgiften besteht die Gefahr der Verunreinigung. Daher sollte das Wasser, in dem der Anbau erfolgt, nicht durch Schwermetalle oder ähnliches belastet sein. Spirulina ist nicht gleich Spirulina. Die Kulturbedingungen sowie die Herkunft spielen eine große Rolle für die Qualität. Besagt sie kann sowohl Schwermetalle aus dem Körper leiten wie auch Unreinheiten aus der Umwelt in der sie wächst aufnehmen. Verunreinigungen finden vorallem statt wenn es in Becken rein regnet, wie es beim großindustriellen Anbau der Fall ist. Spirulina könnte aslo auch eingesetzt werden um die Umwelt zu entgiften.

Foto: Akal Food S.A.S.
Foto: Akal Food S.A.S.

Sozial

Es wird nur leichte körperliche Arbeit bei dem Anbau abverlangt, die Produktivität und der Lowtech Anbau erlauben einen breiten Zugang zu der Kultur. Viele Projektträger weltweit richten die Spirulinazucht auf Frauen in Entwicklungsländer aus. Meist findet der Anbau dort statt, wo der Verzehr einen gesundheitlichen Vorteil für die Bevölkerung hat. Ein beispiel sind hier Mutter und Kind Zentren in Afrika und Indien.

 

Beim Spirulina-Anbau macht eine Automatisierung wenig Sinn. Die vollautomatische Sprühtrocknung, die bei Industrie-Spirulina zum Einsatz kommt, steht im Gegensatz zur schonenden Rohkost-Trocknung in kleinbäuerlichen Betrieben, für die mehr Arbeitsschritte sowie Mitarbeiter benötigt werden. Die Art der Trocknung hat einen großen Einfluss auf die Qualität und den Geschmack des Endprodukts.

 

Die Kultur von Spirulina kann so aufgebaut werden, dass sie einen richtigen sozialen Impact hat. Dies ist besonders der Fall, wenn Einrichtungen wie die Lebenshilfe mit der Verpackung und Veredlung der Alge beauftragt werden.  

Wirtschaft

Bereits am Tag der Ernte das fertige Produkt in Händen zu halten ist ein ganz klarer wirtschaftlicher Vorteil. Hinzu kommt die lange Haltbarkeit von mindestens zwei Jahren bei Lichtgeschütz und Luftdicht verpackten Spirulina-Algen. Je nach Anlage, Technik, Personalaufwand und Größe kann eine Spirulina Farm innerhalb der ersten Jahre kostendeckend sein. In Frankreich gibt es bereits über 200 solcher kleinen Farmen.

Gastautor Frank Winter (Foto: Akal Food S.A.S.)
Gastautor Frank Winter (Foto: Akal Food S.A.S.)

Spirulina gibt es inzwischen in den verschiedensten Formen zu Kaufen. Die Produktpalette reicht von roh getrockneten Granulat als Gewürz über frischen Kuchen bis hin zu Kapseln als Nahrungsergänzungsmittel. Hinzu kommen Spirulina-haltige Convenience-Produkte wie Vitamingetränke und Proteinriegel sowie Kosmetika. Die Wirtschaftlichkeit besteht in der hohen Produktivität beim Anbau, der langen Haltbarkeit und in der Vielfalt der Möglichkeiten der Weiterverarbeitung.

Gesundheit

Der gesundheitliche Aspekt ist ein Thema für sich. Oberstes ist es, Spirulina als Lebensmittel zu sehen. Im Fall von Krankheiten oder akuten Symptomen wird es keine konkrete Wirkung zeigen. Es dient jedoach der Stärkung des Körpers. Hauptgrund hierfür ist der hohe Anteil von Antioxidantien und Nährstoffen sowie der hohe Eiweißgehalt. Die Algen sind besonders reich an assimilierbaren Mineralien u.a. Eisen. So werden sie beispielsweise schon lange Zeit zur begleitenden Behandlung mangelernährten Kindern eingesetzt. Zahnärzte empfehlen Spirulina zur Ausleitung von Schwermettallen nach der Entfernung von Amalgam-Füllung. 

Fazit

Spirulina ist ein Lebensmittel, das zum Gesundheitserhalt beitragen kann. Da es sich um ein natürliches Produkt handelt und die Inhalte schwanken können, findet es noch wenig medizinische Anwendung. Wie die UN bereits in den 70ern erkannte, handelt es sich bei den blau-grünen Algen um ein Lebensmittel mit Zukunft. Seine Nachhaltigkeit hängt jedoch von der Art des Anbaus und der Weiterverarbeitung ab. 

Gastautor Dr.rer.nat. Frank Winter

Dr.rer.nat. Frank Stéphane Winter promovierte über die Wirkung von Spirulina als Nährungsergänzungsmittel bei Frauen, die mit einer HIV-Infektion in Jaunde (Kamerun) leben. Als studierter Molekular-Biologe der Justus Liebig Universität Gießen, konnte er durch die Begegnung mit dem Cyanobakterium „Spirulina“ im Jahre 2007 seinem Interesse für Ernährung nachgehen. Er forschte an der Wirkung von Spirulina im Organismus, und behielt auch Nachhaltigkeitsaspekte dieses alten Lebensmittels im Auge. 

Foto: Akal Food S.A.S.
Foto: Akal Food S.A.S.

Ganz nach der Lehre der Vollwerternährung von Prof. Leitzmann, in der die vier Säulen der nachhaltigen Ernährung gleichwertig betrachtet werden müssen, will Herr Dr. Frank Stéphane Winter Spirulina im Hinblick auf die Gesundheit und auf die soziale, wirtschaftliche und ökologische Bedeutung näher bringen.

 

Seinen Werdegang hat er zwischen Frankreich, Kamerun und Deutschland absolviert. Hier konnte er Begegnungen machen, die ihn dazu gebracht haben,  eine der ersten Spirulina-Farmen in Deutschland zu starten. Nach einiger Zeit in der freien Wirtschaft als molekularbiologischer Berater für ein führendes Unternehmen, hat er sich entschlossen, Spirulina als Lebensmittel im deutschsprachigen Raum zu produzieren und zu vermarkten. Er ist Produktionsberater und gründet zurzeit den Deutschen Arm der Firma Akal Food.

Dieser Entscheidung liegt die tiefe Überzeugung zu Grunde, dass ein Umdenken für das 21. Jahrhundert erforderlich ist und dass wir die Herausforderungen nur im Einklang mit der Natur bewältigen können.

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Die Fotos wurden vom Autor zur Verfügung gestellt und sind von P. Mollo