Wie wurden wir zum Goldfisch in der Cloud?

Gastartikel von Christian Jeschke

Fotolia_117117011 © Sergey Nivens / Fotolia.de
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Fasten Sie?
Und wenn ja, was fasten Sie? In der Regel wird Nahrung gefastet.

 

Wie wäre es mal mit einem Medien-Fasten? Dem Reduzieren des digitalen Informations-Flusses für einige Zeit - es müssen ja nicht gleich 40 Tage sein.

 

 

 

 

Warum Medien-Fasten? 

Seit zehn Jahren verändert sich die digitale Welt in rasantem Tempo und mit ihr auch wir. Das wirft Fragen auf:

  • Sind wir uns der allgegenwärtigen medialen Begleitung bewußt?
  • Sind wir bereit dafür?
  • Haben wir eventuell vergessen, in unserem Informations-Fluß auch mal kleine Inseln der AUS-ZEIT zu finden? 

 

Und was hat das mit Goldfischen zu tun?

Bei einer Studie von Microsoft im Jahre 2015 wurden 2000 kanadische Menschen zu ihrer Mediennutzung und dem Einfluß auf ihre Aufmerksamkeits-Spanne befragt und getestet. Es wurde festgestellt, daß die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf durchschnittlich 8 Sekunden gesunken ist. Die Aufmerksamkeits-Spanne eines Goldfisches beträgt 9 Sekunden!

 

Jetzt läßt sich vielleicht über den Sinn und Zweck einer solchen Studie streiten oder der Auftraggeber kritisieren. Kann man machen, muß man aber nicht. Ich nehme es zum Anlaß, darüber in den Dialog zu kommen, über das, was womöglich oder scheinbar der Grund dafür ist, daß wir uns im Schnitt für immer kürzere Zeit auf etwas konzentrieren können, um dem jetzigen Moment unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken. Und somit auch uns selbst, ebenso wie den Menschen und Dingen in unserem Wirkungskreis!

Das fällt mir gerade jetzt auch bei mir selbst auf, während ich diesen Artikel schreibe. Ständig möchte mein Verstand abschweifen, er sucht nach der nächsten neuen Information. Denn das ist das, was unser Gehirn ständig macht: es sucht nach Neuigkeiten und präsentiert sie uns. Weil wir uns durch den permanenten Konsum von kleinen Informations-Stücken genau so trainiert haben. Das hat ja prima funktioniert! Also wage ich es auch zu sagen: dann können wir uns auch das Gegenteil (wieder) antrainieren! Dazu später mehr.

 

Sind wir uns der allgegenwärtigen medialen Begleitung bewußt? 

Nein? Dann sollten wir uns zuerst bewußt machen, daß wir Zeitzeugen der Digitalisierung sind! Wir können beobachten, wie die Welt um uns herum immer mehr digitalisiert wird. Das muß nicht zwangsläufig schlecht sein, denn wir müssen uns nicht zu Sklaven der Technik machen. Die Technik ist ein Werkzeug. Wir können gestalten, wir müssen es nur wollen! Und das hat was mit Haltung zu tun. 

 

Machen Sie sich genau jetzt bewußt, wie Ihr Medienkonsum ist. Wie, wann, wie oft und wie lange nutzen Sie Informationen aus dem Internet, Smartphone, Tablet, Computer, TV, Hörbücher, Musik, und was macht das mit Ihnen? Was passiert mit all den vielen digitalen Informationen über Sie und das, was Sie interessiert? Und was macht das Bewußtsein darüber mit Ihnen?

 

Machen Sie eine Liste! Beobachten Sie Ihren Medienkonsum eine Woche lang, oder nutzen Sie hierfür eine App wie „Offtime“, die die Dauer und Häufigkeit der Smartphone-Nutzung aufzeichnet und gelegentlich zu einer Auszeit einlädt. Eine App dafür ist paradox? Dann machen Sie es analog!

 

War das vor 10 Jahren auch schon so?

 

Wie war das Leben vor 2007, das Jahr, in dem das iPhone vorgestellt wurde und die digitale Welt inklusive unsere Medien-Nutzung radikal verändert hat? Jahrhunderte lang wurde sehr „langsam“ kommuniziert und informiert. Die Zeitung kam einmal am Tag, und neue Informationen aus der ganzen Welt lieferte dann erst wieder der nächste Tag oder die Nachrichten-Sendung am Abend im TV. Das waren deutlich weniger Informationen als heute, und wir hatten viel mehr Zeit, um die Informationen zu verarbeiten, um darauf zu reagieren.

 

Wann haben Sie den letzten echten Brief geschrieben, händisch? Zu lange her? Dann schreiben Sie doch mal wieder einem lieben Menschen, und freuen Sie sich darauf, wenn nach Tagen oder Wochen eine Antwort kommt. Das ist ein gutes Experiment, um während der Wartezeit die Vorfreude auf die Antwort zu genießen und trotzdem nicht ständig darauf zu warten. Warten Sie nicht, sondern genießen Sie den Augenblick!

 

Sind wir bereit dafür? 

 

Meines Erachtens gibt es hierfür keine kollektive Antwort, das kann nur jeder selbst beantworten. Auf jeden Fall sollten wir unseren Platz als Gestalter des Informations-Flusses wiederfinden und uns nicht von all den Neuigkeiten kontrollieren lassen. 

Prüfen Sie, was die Neuigkeiten über das aktuelle Weltgeschehen mit Ihnen machen. Welche Emotionen lösen die Informationen über die Lage in Europa, den USA, Krieg, Terror sowie allgegenwärtige Werbung bei Ihnen aus? 

 

Die Produzenten der meisten Informationen zielen mittlerweile auf Ihre Emotionen ab. Bleiben Sie fokussiert, und Sie werden entdecken, daß all das absolut nichts mit Ihnen und dem jetzigen Augenblick zu tun hat. Dann sind sie frei von den Zwängen der Informations-Maschinerie und können bewußt entscheiden, was jetzt wichtig für Sie und Ihre Mitmenschen ist.

 

Machen Sie folgenden Test:
Wenn Sie Smartphone-Nutzer sind, dann öffnen Sie einfach mal Ihre Lieblings-App, und beobachten Sie, welche Emotionen in Ihnen ausgelöst werden und ob Sie den Grund dafür erkennen können. Öffnen Sie dann eine App, die Ihnen Informationen über das Weltgeschehen liefert. Was löst das in Ihnen aus? Bleiben Sie fokussiert - richten Sie Ihre volle Aufmerksamkeit auf diese Vorgänge.

 

Achtsamkeit lenkt Ihren Fokus auf den jetzigen Moment und wird Ihnen helfen, sich nicht in den Informations-Strudel komplett einsaugen zu lassen. 

 

Haben wir eventuell vergessen, in unserem Informations-Strudel, kleine Inseln der AUS-ZEIT zu finden? 

 

Ich sage JA! Macht aber nichts, denn Sie können genau jetzt anfangen, das zu ändern. Eines der tollsten Wunder der Natur hilft Ihnen dabei: der Körper und seine Signale, die Informationen die er uns sendet.

 

Vor allem der Atem könnte hierbei Ihr neuer Freund werden. Die ganze Informations-Flut streßt uns, und immer, wenn wir gestresst sind, wird unser Atem flach und schnell. Durch die Übung der Achtsamkeit können Sie diese Impulse bewußter wahrnehmen und sich immer wieder auf den jetzigen Moment fokussieren.

 

So erreichen Sie eine reflektierte statt reflexhafte Nutzung der digitalen Möglichkeiten, und Sie können Ihre eigene Rolle als Mediennutzer hinterfragen. Indem Sie als Filter agieren, können Sie für sich und andere das Informations-Rauschen reduzieren.

 

Kurze Phasen der medialen Entziehung sind der erste Schritt, um regelmäßig und bewußt innehalten zu können. Das bietet Ihnen wiederum die Möglichkeit, konzentriert arbeiten und leben zu können.

 

Zum Schluß eine Übung:

 

Nehmen Sie sich nach der Lektüre einige Minuten Zeit, um darüber nachzudenken, zu reflektieren, wie es um Ihre Mediennutzung steht!? Natürlich wird Ihr Verstand nach nicht allzulanger Zeit beginnen, Ihnen Gedanken zu präsentieren, die Sie ablenken möchten. Ob Sie auf dieses Angebot eingehen, bleibt dann Ihnen überlassen. Wenn Sie bei sich bleiben wollen, dann lenken Sie Ihren Fokus kurz auf Ihre Atmung. Wie die Luft ein- und wieder ausfließt, wie sich die Bauchdecke hebt und wieder senkt. Punkt! Wie lange können Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit im jetzigen Moment bleiben? Sind Sie ein Goldfisch?

 

 

Und die Verrückten unter uns können sich einfach mal 10 Minuten nackt mit Ihrem Smartphone vor den Spiegel stellen. Na, wie fühlt sich diese Zweisamkeit an?

 

Vor allem empfehle ich Ihnen, nicht nur schwarz/weiß zu sehen: digital ist nicht per se schlecht und analog nicht per se gut. Finden Sie Ihre Balance, hierbei kann Ihnen Achtsamkeit helfen.

 

In diesem Sinne:
Möge die Achtsamkeit mit Ihnen sein!

 

Christian Jeschke

(>> Autoren-Profil)

 


Bildnachweis: Fotolia Bild © Sergey Nivens / Fotolia.de